Border Line Syndrom

 

Grenzgänger in der Kunst Ausstellungseröffnung im Sudetendeutschen Haus

 

 

 

Sudetendeutsche Zeitung, 12. 2. 2016 

Susanne Habel

 

 

 

ln München eröffnete Zuzana Finger, Heimatpflegerin der Sudetendeutschen, mit Ausstellungskuratorin Rea Michalová die Ausstellung " Borderline-Syndrom". Die deutsch-tschechische Ausstellung ist eine grenzüberschreitende Präsentation von tschechischen und sudetendeutschen Künstlern. 

 

Borderline-Syndrom ist ein Ausstellungsprojekt von fünf tschechischen und deutschen Künstlern über die Vertreibung und das tschechisch-deutsche Zusammenleben im Grenzgebiet des Sudetenlandes", erläuterte Kuratorin Rea Michalová bei ihrer Ausstellungseinführung.Die Ausstellung sei unter dem tschechischen Namen "Hranicni Syndrom" in einer Vorläuferform schon in diversen tschechischen Galerien gezeigt worden. Mit der Bezeichnung "Border- line-Syndrom" , der an die Diagnose einer schweren psychiatrischen Erkrankung erinnern solle, wolle man zeigen, dass durch die "Besetzung" der Sudetengebiete 1938 und die Vertreibung aus dem Sudetenland in der Nachkriegszeit wunde Stellen in der tschechisch-deutschen Geschichte geblieben seien.

  

" Die tschechischen Künstler David Saudek, Jaroslav Valečka und Martin Káňa, alle in der Nachkriegszeit geboren, treten hier in den schöpferíschen Dialog mit den sudetendeutschen Zwillings-Künstlern Hansjürqen Gartner und Joachim Lothar Gartner, Zeugen aus der Vertreibungszeit." Die Künstler aus fast drei Generationen hatten das Thema besonders gut darstellen konnen, so Michalová, da das Problem des Sudetenlandes jeden van ihnen personlich betreffe: Hansjürgen Gartner und Joachim Lothar Gartner seien 1945 im nordböhmischen Steinschönau zur Welt gekommen und nach der Vertreibung 1949 zunächst in Österreich gestrandet. Der Prager Jaroslav Valečka und Martin Káňa aus Weipert, beide in den Siebzigern geboren, seien im Sudetenland aufgewachsen. Der 1966in Prag geborene David Saudek habe einen deutschen Grossvater, Sepp Geisler, gehabt. "Seine Familie war von Holocaust betroffen."Ihr eigener Vater, so die Kunsthistorikerin und Galeristin, habe 1938 zusammen mit weiteren 200000 irn Grenzgebiet lebenden Tschechen seinen Wohnsitz nach Besetzung durch die Nationalsozialisten verlassen müssen.

 

"Aus der schöpferischen Reflexion über diese gemeinsamen Lebensgeschichten in Verbindung mit der tschechisch-deutschen Koexistenz im Herzen Europas, mit dem Sudetengebiet, entstand der Grundbaustein des Ausstellungsprojekts Hraniční syndrom/Borderline-Syndrorn. "  Mit diesern kůnstlerischen Projekt solle zur "Kultivierung der beiden Gemeinschaften" beigetragen werden.

 

Michalová schilderte die sehr unterschiedlichen künstlerischen Ansätze der Beteiligten: Hansjürgen und Joachim Lothar Gartner, beide Mitglieder der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste, nutzten in ihrer konzeptuell gestimmten Einstellung Notizen der konkreten Realität. Hansjürqen Gartners Schaffensweg sei praqnant konzeptuell. In seinem Bilderzyklus "Grenzstein" sei ihrn die Anonymität und Abstraktheit der gewaltsamen Diaspora äusserst bewusst. Er betrete die konkrete Wirklichkeit mit Hilfe seiner imaginativen Domkonstruktíonen", die teilweise den zukunftigen - aber auch den vergangenen - Zustand der Vertreibungsorte dokumentierten.

  

Joachim Lothar Gartner sei in seinem Schaffenswerk direkter und emotionsvoller. Er nutze die Foto-Kollage aus historischen Aufnahmen mit Bildervervielfachung.

 

 Jaroslav Valečka zeige eher eine fantasieund gefühlvolle Position im Rahmen desklassischen Bildes. In seinen Gemälden sei seine innere Verknüpfunq mit dem Lausitzer Gebirge eingeschrieben, wo er aufgewachsen sei und zeitweise lebe. Seine kalten, winterlichen, schneebedeckten Landschaften mit qluhenden Feuerlichtern und mysteriósen Geheimnissen und Riten halte wundersame Menschengeschichten bereit.

  

Die künstlerische Methode von David Saudek stelle sich symbolisch und konzeptuell stärker dar. In seinen Werken verbinde er auf wirkungsvolle Art historische Motive, die mit dem Thema zusammenhängen, mit Ikonen und Idolen der heutigen, von der Geschichte durchaus unbelasteten Generation. "Durch eine innovative Schichtung von manchmal auch naiven und scheinbar fast unangebrachten Symbolen erzielt er einen neuen Anblick und eine neue
Ansicht" , schilderte die Kuratorin. Der bildende Künstler Martin Káňa wiederum vereine die Metaphern der Grenzemit nüchternen, abstrahierten und monumentalen Objekten, die seine schöpferischen Gedanke präzis spiegelten.

 

Oft sei zu hören, dass der Verlust des Sudetenlands für beide Seiten ein hinreichender Grund zu gemeinsamer Reue und Trauer sei, fasste Michalová zusammen. "Wir sind der Ansicht, dass wir nach positiveren Ausgangspunkten suchen sollten. Wir haben einen Raum fur die Wiederbelebung der Multikulturalität und für die Wiederherstellung von Kontakten erworben", schloss sie. Derzeit gebe es Bemühunqen, die Ausstellung später noch an anderen Orten zu
zeigen. Sie bedankt der Gastgeberin, der Heimatpflegerin Zuzana Finger, sowie dem Mitveranstalter Jan Samec, dem Leiter der Interaktiven Galerie Villa Becher in Karlsbad, der leider am Eröffnungstag in München verhindert war .

  

Dank galt natürlich auch der Kuratorin, den ihr Ondřej Černý aussprach. Der Direktor des Tschechischen Zentrums in München meinte in seinem Grusswort, dass nach dem Trauma des Zweiten Weltkriegs die Deutschen schon früh eine Versčhnunq angestrebt, die tschechische Seite jedoch erst spät mit der Aufarbeitung begonnen habe. Die neue Ausstellung strebe nun einen künstlerischen Dialog und eine multiperspektivische Diskussion an."Die Perspektiven in ,Borderline' sind wahrlich sehr vielseitig", so Zuzana Finger. Die Heimatpflegerin freute sich über die Begegnung von tschechischen und sudetendeutschen Künstlern. Zur Ausstellung erscheine auch ein zweisprachiger Katalog, der bei der Heimatpflege der Sudetendeutschen erhältlich sei. "In ,Borderline' kann man sich aut eine qrenzüberschreitende Reise begeben", lud Finger ein. Dies wurde noch musikalisch erleichtert: Anina Polášek sang das Lied "Auf die Reise", das sie mit íhrem Piano-Begleiter Steffen Zander komponiert hatte.

  

Bis Freitag, 25. März: Border- line-Syndrom" in Miinchen-Au, Sudetendeutsches Haus, Hoch- strasse 8. 9.00-18.30 Uhr. Katalog 10 Euro.

 


 

 

BORDERLINE-SYNDROM

MARTIN KÁŇA, DAVID SAUDEK, JAROSLAV VALEČKA

 

Das Projekt „Borderline-Syndrom“, das auf den soziodemographischen Konflikt der „Vertreibung“[1] bzw. das „Sudetenproblem“ hinweist, präsentiert drei führende Persönlichkeiten der gegenwärtigen Kunstszene – Maler David Saudek, Jaroslav Valečka und Bildhauer Martin Káňa. Diese Künstler schaffen eine mannigfaltige Triade von künstlerischen Darstellungen des jeweiligen Themas. Jaroslav Valečka vertritt mit seinem Schaffen die imaginative und emotive Position im Rahmen des klassischen Bildes, das Herangehen von David Saudek ist mehr symbolisch und konzeptuell. Martin Káňa arbeitet in der räumlichen Form von Objekten mit einem analytischen Charakter. Die Künstler äußern sich auf eine kreative und unverwechselbare Art zum Untergang „einer Welt“ und widmen sich den Auswirkungen der „Vertreibung“ auf alle Sphären der Gesellschaft.

Das Thema haben wir gewählt, als wir „zufällig“ festgestellt haben, dass das Problem des Sudetenlandes jeden von uns persönlich betrifft (sowohl Künstler, als auch Kuratorin). (Angesichtes der nationalen Diffusion in der Tschechischen Republik ist diese Tatsache eigentlich gar nicht so überraschend.)Martin Káňa wuchs in Vejprty im Erzgebirge auf, Jaroslav Valečka in einem kleinen Dorf im Lausitzer Gebirge. David Saudek hat deutsche Vorfahren und die Familie wurde vom Holocaust betroffen.

Den Namen des Projekts entnahm ich dem heutzutage oft besprochenen Thema, der häufigen klinischen psychiatrischen Diagnose. Diese Krankheit bedeutet kurz gesagt eine Funktionslosigkeit und eine pathologische Unvollkommenheit des menschlichen Gemüts.

Die Autoren betrachten die Präsentation als eine vollkommen unpolitische Äußerung  ihrer Ansichten von der Jahrhunderte alten Frage von Grenzgebieten Böhmens und Mährens und dem Zusammenleben von Nachbarvölkern. Sie wollen nicht zu denjenigen Künstlern gehören, die das aktuelle politische Thema zur eigenen Sichtbarmachung ausnützen. Sie sind der Ansicht, dass die Frage des Grenzgebiets, des Sudetenlands, nicht nur sehr alt ist, sondern auch außerordentlich schwierig, und ihre Wiedergutmachung für die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft von großer Bedeutung ist. Ihr Ziel ist es nicht, eine endgültige und allgemein gültige Lösung vorzulegen. Sie weisen auf eine nötige Verwandlung der Wahrnehmung des ganzen Problems hin. Die Diagnose ist klar, nun geht es darum, die entsprechende „Heilmethode“ zu wählen.

Ein Grenzgebiet stellt darüber hinaus einen Raum dar, in dem eine Gruppenidentität mit einer anderen zusammentrifft. Die Grenzgebiete, bzw. die Randgebiete, die nach dem französischen Philosoph Michel Foucalt zum Ausdruck der Positivität der Gesellschaft werden sollten, wurden im Falle des Sudetenlandes zu einem „Alptraum“, zu einem Raum der Vergessenheit und des unterdrückten Schuldgefühls. Die Grenzregionen verwandelten sich zu einer „Kultur der Armut“[2].  Petr Mikšíček beschreibt in seinem Reisetagebuch „Sudetská pouť aneb Waldgang“[3] die Auswirkungen der Vertreibung und der anschließenden Besiedelung des tschechisch-deutschen Grenzgebiets auf Grund der eigenen Wahrnehmung der Landschaft: „Jedes Mal, wenn ich einen Ausflug im Sudetenland unternehme, komme ich mir als ein Psychologe in einem weißen Mantel vor, der durch die Landschaft wandert, durch eine Allee voll von Patienten, und versucht ihre Erinnerungen hervorzurufen. Die Landschaft hat sich mir mit ihrem Trauma anvertraut. Schon wegen dieser Landschaft, die einen Gedächtnisverlust erlitten hat, ist es sinnvoll, ihre Traditionen zu erneuern…“[4] Die Landschaft regeneriert jedoch besser, als Leid und Unrecht in der menschlichen Seele, bzw. in der Struktur ihrer Gesellschaft. Das Problem des Grenzgebiets fängt nicht mit der Entstehung der Tschechoslowakischen Republik an, sondern taucht natürlich während der ganzen Geschichte der tschechischen Staatlichkeit. Die Ankunft der deutschen Siedler, die  Ende des 12. Jh. auf Einladung des Herrschergeschlechts von Premysliden anfing, bedeutete ohne Zweifel während fast achthundert Jahren ein Nutzen für die ganze Gesellschaft. Die Tatsache, dass das deutsche Volk in den letzten einhundertfünfzig Jahren eine sehr aufregende Umwandlung seiner Staatlichkeit und seines nationalen  Bewusstseins durchgemacht hat, konnte nicht ohne Auswirkung auf das Sudetenland ausbleiben.

Die Bedingungen der Vertreibung von Sudetendeutschen nach dem Krieg wurden durch die Konferenz von Jalta bestimmt und die sog. Beneš-Dekrete wurden von der Nationalversammlung gebilligt.  Es ist keineswegs möglich, eine Kollektivschuld von Deutschen und Tschechen anzuerkennen. Ich bin persönlich der Meinung, dass Unrecht immer Unrecht bleibt und Mord immer Mord, unabhängig von der Zeit oder Epoche. Es hilft nicht, die deutschen Kriegsverbrechen und ihre Auswirkung auf die tschechische Bevölkerung hervorzuheben. Ebenfalls sollte der Terror von einigen schuftigen Einzelwesen nicht die Ansicht der Deutschen an die Nachbarn beeinflussen.

Nach dem Krieg wurden Hunderttausende von Häusern, Fabriken und Felder verstaatlicht und das Grenzgebiet wurde zwangsweise durch eine neue Bevölkerung besiedelt. Diese Form des Eigentums brachte Verwüstung und Plünderung mit sich. Nach dem Jahr 1945 hielten das Regime und vor allem die Leute das Sudetenland für ein erobertes Gebiet, und im Einklang damit verhielten sie sich zu der Landschaft. Einst die reichsten Gebiete des Staates verwandelten sich in eine Peripherie, in eine Zone der geistlichen und materiellen Destruktion. Der Untergang, die das kommunistische Regime verursachte, verbreitete sich allmählich über das ganze Gebiet des Landes. Die Regierungspolitik, die die gebildeten und gefragten Menschen durch Befehle und Anordnungen  zwangsweise in das Sudetenland geschickt hat, hat sämtliche menschliche Verantwortung für das Grenzgebiet abgeschafft, sie hat die Grundaspekte der Humanität nicht beachtet. Einige Gemeinden sind nach dem Krieg ganz verwüstet. Es ist eine Landschaft, wo man in Brennnesseln auf Ruinen von deutschen Bauten stößt, eine Landschaft, der das kommunistische Regime eine triste architektonische Maske aufgesetzt hat.[5]

Der Wirbel des zweiten Weltkriegs verursachte das Ende der fruchtbaren tschechisch-deutschen Koexistenz im Herzen Europas. In den Nachkriegszeiten stellte das Zusammenleben in einem Staat ein unüberwindbares Hindernis dar. Es gab damals wahrscheinlich einen begreifbaren Grund zur Vertreibung von Sudetendeutschen; es ist jedoch fraglich, ob es außer der Entwurzelung auch ein Grund für ihre Beraubung gab.

Man kann oft lesen, der Verlust des Sudetenlands sei für beide Seiten ein hinreichender Grund für das Suchen nach der gemeinsamen Reue darüber, was geschehen ist und was man verloren hat. Wir sind der Ansicht, dass wir nach positiveren Ausgangspunkten suchen sollten. Wir haben einen Raum für die Wiederbelebung der Multikulturalität und für die Wiederherstellung von Kontakten erworben. Mit diesem künstlerischen Projekt möchten wir dazu beitragen, was jahrhundertlang vor sich ging: wir möchten an der Kultivierung von beiden Gemeinschaften teilnehmen.

In den Bilder von Jaroslav Valečka ist auf eine einzigartige Art die innere Verknüpfung mit dem Gebiet des Lausitzer Gebirge eingeschrieben, mit einem Ort, wo er aufgewachsen ist, wohin er zurückkehrt und wo er noch heute teilweise lebt und arbeitet. In seinen Werken erfasst er die Sudetenlandschaft mit einer verträumten Bewunderung, jedoch zugleich mit einem funkelnden Schrecken. Seine kalten, winterlichen, schneebedeckten Landschaften mit glühenden Feuerlichtern und mysteriösen Geheimnissen und Ritten, halten wundersame Menschengeschichten geheim. Der Künstler überträgt auf die Leinwand eine magische Stille der Kontemplation und ein inneres Feuer der Expression.

David Saudek präsentiert den Bilderzyklus „Borderline-Syndrom“. In seinen Werken verbindet er auf eine außerordentlich durchdachte und wirkungsvolle Art die appellierenden historischen Motive, die mit dem Thema zusammenhängen, mit den Zeichen - „Ikonen“ und „Idolen“ der heutigen, von der Geschichte durchaus unbelasteten Generation (z. B. Hello Kitty). Durch eine innovative Methode der Schichtung von diesen manchmal auch naiven und scheinbar fast unangebrachten Symbolen erzielt er einen neuen Anblick und eine neue Ansicht, wodurch er den Druck der allgemein verbreiteten Schemen der Problemlösung loswird.

Im Werk von Martin Káňa ist es gelungen, die Bedeutungen mit außerordentlich nüchternen, abstrahierten Objekten zu vereinen, die seine schöpferischen Gedanke präzis widerspiegeln. In seinem Werk „Muster 39“ hat der Autor die sog. tschechoslowakische erste Republik (1918-1938) noch in ihrer Gesamtheit erfasst, jedoch schon mit einem Anzeichen des Geschehens in der Evakuierungszone.

 

Rea Michalová

 

 

Martin Káňa /1975/

1995 – 2002 Akademie der bildenden Künste in Prag (Atelier für Zeichnung, Prof. Jitka Svobodová)

Vertretung in Sammlungen: Nationalgalerie in Prag

 

David Saudek /1966/

1991 – 1997Akademie der bildenden Künste in Prag (Atelier für Skulptur und Installation, Prof. Stanislav Kolíbal; Atelier für Neue Medien, Prof. Michael Bielický)

Vertretung in Sammlungen: Nationalgalerie in Prag – Stiftung Jana und Milan Jelínek; Galerie Klatovy / Klenová; Museum Kampa – Sammlung Meda Mládek; Museum of Modern Art New York – Gilbert and Lila Silvermann Foundation;  Museum Ludwig, Köln; Privatsammlungen in Tschechien und im Ausland

 

Jaroslav Valečka /1972/

1991-1998 Akademie der bildenden Künste in Prag (Atelier für Malerei, Prof. J. Sopko)

Vertretung in Sammlungen: Nationalgalerie in Prag; Aleš südböhmische Galerie; Galerie Klatovy / Klenová; Zentrum für zeitgenössische Kunst, Prag; Credit Mutuel de Bretagne; Festung Koenigstein, Gmbh, Deutschland; Galerie der modernen Kunst, Roudnice nad Labem; Galerie der Stadt Chrudim; Rabas-Galerie, Rakovník; Hlávka-Stiftung, Prag; Sammlung des Ministeriums für Aussenpolitik der Tschechischen Republik; Privatsammlungen in Tschechien und im Ausland

 

Kuratorin:

Rea Michalová /1980/

1998-2003 Philosophische Fakultät der Karlsuniversität, Prag, Magisterstudium – Kunstgeschichte;  2003-2007 Philosophische Fakultät der Karlsuniversität, Prag, postgraduales Studium - Kunstgeschichte  (Ph.D.)

Professionelle Tätigkeit:Kuratorin der Sammlung der modernen und zeitgenössischen Kunst der Nationalgalerie in Prag (seit 2008); Unabhängige Kunsthistorikerin und Theoretikerin, spezialisiert auf moderne und zeitgenössische Kunst; Gerichtsexpertin für die Kunst des 20. und 21. Jhs.; Autorin von Kunstpublikationen, Katalogen, Kuratorin vieler Ausstellungen

 

 

 

 

 

 

 

OSTRALE – Internationale Ausstellung zeitgenössischer Künste

 

Die OSTRALE ist eine der größten internationalen PanoramaausstellungenzeitgenössischerKünsteinEuropa. Als drittgrößte jährlich stattfindende Ausstellung von Gegenwartskunst in Deutschland, die alle Gattungen der Bildenden und Darstellenden Kunst repräsentiert, zeigt die OSTRALE jährlich über 200 Kunstwerke aus aller Welt. Die achte Edition findet vom 18. Juli bis zum 28. September 2014 statt.

 

Das OSTRALE Ausstellungsgelände befindet sich auf einem inselartigen Teil des Dresdner Stadtgebiets und ist als Ostragehege bekannt. Im Landschaftsplanentwurf der Landeshauptstadt Dresden von 1997 ist das Gebiet als besonders bedeutsam für den Biotop- und Artenschutz und als wichtiges stadtklimatisches Frischluftentstehungsgebiet für die Stadt eingestuft worden. Zuvor erfolgte die Festlegung des nordwestlichen Areals zum Flächennaturdenkmal. Die OSTRALE findet in wechselnden Räumen des von Hans Erlwein von 1906 - 1910 erbauten, aufwändig gestalteten und heute denkmalgeschützten Städtischen Vieh- und Schlachthofs statt.

 

Die eingeladenen Künstler und Kunstkollektive zeigen ihre Arbeiten in unsanierten denkmalgeschützten Gebäuden und auf dem Außengelände. Die beeindruckende Kulisse mit fünfzehn Futterställen und ihren gigantischen Heuböden im Obergeschoss, die kleinen Viehställe Haus 11 (insgesamt 15.000 m²), die betonierte Außenfläche und die grüne Brache (25.000 m²) bilden das Hauptareal der Ostrale 2014.

 

 

OSTRALE – Zentrum für zeitgenössische Kunst

Messering 8

D - 01067 Dresden

Deutschland

www.ostrale.de

 

 


[1]Die Vertreibung war dar größte soziodemographische Vorfall der neuzeitigen tschechischen Geschichte. In den Jahren 1945-1947 waren auf dem Gebiet der tschechischen Republik ungefähr fünf Millionen Menschen in Bewegung. Nach dem Massenvertrieb von Deutschen sind neue Einwohner in das Grenzgebiet eingezogen, meistens die Menschen vom Binnenland, bis 1947 waren es 1,9 Millionen.

[2] Ivo T. Budil, Sudety jako civilizační výzva, in: Zmizelé Sudety/Das veschwundene Sudetenland, Antikomplex und Kollektiv von Autoren, 2006, S. 31

[3] Petr Mikšíček, Sudetská pouť aneb Waldgang, Verlag Dokořán, Praha, 2005

[4] Ebenda, S. 88

[5] Belehrende Vergleiche des Zustands der Grenzgebietslandschaft vor und nach dem Krieg bietet das Buch „Zmizelé Sudety/Das verschwundene Sudetenland“, Antikomplex und Kollektiv von Autoren, 2006

 


 

 

Faszination der unbekannten Vergangenheit

 

 

In seiner Ausstellung „Sudety“ kehrt der Maler Jaroslav Valečka an die Orte seiner Kindheit und unterbe wusste Empfi ndungen zurück.

 

 

 

 

Nach dem Wunsch seiner Eltern sollte er in die Fußstapfen seiner Mutter treten und Arzt werden. Doch der zerzauste Junge wollte lieber toben. Damit er ruhiger würde, hat man ihn in eine Kunstschule eingeschrieben, wo er Zeichnen und Malen lernte. Wie könnten denn die Eltern ahnen, wie sehr sie damit den Lebensweg ihres Sohnes verändern würden?! Denn das Malen ließ ihn nicht mehr los: Jaroslav Valečka, Jahrgang 1972, studierte an der Kunstakademie und wurde im Laufe der Zeit zu einem der eindrucksstärksten Vertreter der mittleren Künstlergeneration Tschechiens. Valečkas Stärke liegt in der Malerei. Schon heute schreiben Kunsthistoriker Valečka zu, durch seinen konventionellen künstlerischen Ansatz, maßgebend zur Renaissance der klassischen Malerei beigetragen zu haben. Obwohl in Prag geboren, wo er heute in seinem Atelier tagtäglich vor der Staffelei steht, kehrt Valečka in beinahe allen seinen Bildern an die Orte seiner Kindheit zurück. Sein zentrales Thema sind die offenen Landschaften Nordböhmens, das Lausitzer Gebirge oder auch Porträts, die dem Beobachter in seinem Naturalismus grausam, depressiv und morbid vorkommen können. 

„Unglaubliche Geschichten“ Eine repräsentative Auswahl von Valečkas Bildern aus den Jahren 2012 bis 2013 wird derzeit in der Prager Galerie Vltavin gezeigt. Der Titel der Ausstellung lautet Sudety (Sudetenland). Man findet darin Bilder, die die raue Winterlandschaft, alte Dorffeste und Bräuche wie Johannisfeuer, Fasching, Schlachtfest oder Sensenmannszüge darstellen. „Ich bin im Bergweiler Líska (bis zum 1947 Hase) aufgewachsen, 

in dem alle seine fünfzig Bewohner alles über ihren Nachbarn wussten. Die einzige Unterhaltung stellten hier die örtliche Kneipe und Brauchtumsfeste statt“, erinnert sich Valečka.  „Ich habe mich als kleiner Junge einerseits vor einem toten Schwein, Blutspuren im Schnee oder vor dem Feuer gefürchtet. Andererseits haben mich diese Sachen unheimlich an- gezogen. Und diese Faszination fühle ich bis heute“, sagt Valečka zur Inspirationsquelle seiner Bilder. Doch dass in Líska auch Deutsche lebten, wusste Valeka bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr 

nicht. Von ihrer Existenz erfuhr er viel später. Bis heute erinnert er sich an unglaubliche Geschichte, die im Dorf kreisten. Über einen versunken Panzer, zum Beispiel,  oder eine verlassene unterirdische Fabrik. Doch die hielt er nur für Fantasiegeschichten. Historische Zusammenhänge nahm er damals noch nicht wahr. „Die unterbrochene Kontinuität ist jedoch stets allgegenwärtig. Man sieht sie anhand von verschwundenen Dörfern und verlassenen Friedhöfen. Irgendwo im Unterbewusstsein habe ich sie schon damals gespürt“, ergänzt der Maler.

Auf diese Weise findet man in vielen seinen Werken seine eigenen Kindheitserlebnisse wieder. Wie im Ölgemälde „Der Glassarg“, das einen zentralen Raum in der Ausstellung einnimmt. Darin greift Valečka auf ein konkretes Ereignis zurück: Als die Dorfkinder einmal im örtlichen Leichenhaus spielten, kam es zu einem Unfall kam, wobei eines der Kinder fast über Nacht erfroren ist. Ein ähnliches Motiv thematisiert Valečka im Portät „Die tote Deutschen“, indem er sich an die Sanierung eines alten deutschen Friedhofes erinnerte, während der ein in einem Hochzeitskleid bestattetes deutsches Mädchen entdeckt wurde. „Anhand von Valečkas Werk wird deutlich, dass die Problematik des Sudetenlandes keinesfalls der Vergangenheit angehört, wie es vielleicht auf den ersten Blick vorzukommen scheinen mag. Es ist im Gegenteil ein sehr lebendiges und empfindliches  Thema ist, das nicht nur Valečka, sondern auch man che andere Künstler anregt“, sagte bei der Ausstellungseröffnung die Kuratorin Kateřina Tučková, die sich als Schriftstellerin mit ihrem Roman „Die Vertreibung der Gerda Schnirch“ selbst mit der deutsch- tschechischen Geschichte befasst hat.

 

Die Autorin ist Kulturredakteurin der LZ. 

 

LUCIE DRAHOOVSKÁ

 

Die unterbrochene Kontinuität ist jedoch stets allgegenwärtig. Man sieht sie anhand von verschwundenen Dörfern und verlassenen Friedhöfen.

 

Die Ausstellung Sudety (Sudeten) von Jaroslav Valečka ist noch bis zum 15. November 2013 in der Galerie Vltavín, Masarykovo nábeží 36, Prag 1 zu sehen. Sie ist täglich von 10 bis 12 und von 13.30 – 18 Uhr geöffnet. Mehr Informationen unter www. galerie-vltavin.cz oder www.valecka.eu