Border Line Syndrom

HRANIČNÍ SYNDROM / BORDERLINE-SYNDROM

HANSJÜRGEN GARTNER, JOACHIM LOTHAR GARTNER, MARTIN KÁŇA, DAVID SAUDEK, JAROSLAV VALEČKA

 

Kuratoren: Rea Michalová, Jan Samec

 

Alfred-Kubin-Galerie, Sudetendeutsches Haus, Hochstr. 8, München

 

Hraniční syndrom / Borderline-Syndrom ist ein Ausstellungsprojekt der führenden tschechischen und deutschen Künstler zum Thema der sogenannten Abschiebung und des tschechisch-deutschen Zusammenlebens im Grenzgebiet des Sudetenlandes. Der gewählte Name, der eine klinische Diagnose einer Funktionslosigkeit und Unvollständigkeit des menschlichen Geistes evoziert, deutet an, dass die Frage der Annexion und Zwangsaussiedelung des Sudetenlandes in der Nachkriegszeit eine wunde Stelle der gemeinsamen tschechisch-deutschen Geschichte geblieben ist. Die beteiligten Autoren aus drei Generationen nahmen sich des Themas ganz natürlich an, nachdem sie festgestellt hatten, dass das Problem des Sudetenlandes jeden von ihnen persönlich betrifft. In ihren Werken äußern sie sich auf kreative Weise zum größten soziodemographischen Ereignis unserer Geschichte der Neuzeit und forschen nach den Auswirkungen der Abschiebung auf die gesamten gesellschaftlichen Sphären.

Die tschechischen Künstler David Saudek (*1966), Jaroslav Valečka (*1972) und Martin Káňa (*1975) treten in den schöpferischen Dialog mit den deutschen Künstlern Hansjürgen Gartner (*1945) und Joachim Lothar Gartner (*1945), die gleichzeitig als authentische Zeugen der Vertreibung auftreten. Uns als Autoren hat es überrascht, wie klar und deutlich weitere und weitere Verknüpfungen aus unserem Leben und der Vergangenheit unserer Familien vor unseren Augen zu erscheinen begannen. Die Gartner-Brüder sind in Steinschönau als Söhne deutscher Eltern geboren und wurden kurz nach der Geburt aufgrund der Beneš-Dekrete abgeschoben. Jaroslav Valečka und Martin Káňa sind in den Sudeten aufgewachsen, David Saudek hat deutsche Vorfahren. Der Vater der Kuratorin Rea Michalová wurde im Jahre 1938 zusammen mit weiteren 200 000 in Sudeten lebenden Tschechen von dort vertrieben. Aus der schöpferischen Reflexion über diese gemeinsamen Lebensgeschichten in Verbindung mit der tschechisch-deutschen Koexistenz im Herzen Europas, mit dem Sudetengebiet, entstand der Grundbaustein des Ausstellungsprojekts Hraniční syndrom  / Borderline-Syndrom.

Ein Grenzgebiet stellt einen Raum dar, in dem eine Gruppenidentität mit einer anderen zusammentrifft. Die Grenzgebiete, bzw. die Randgebiete, die nach dem französischen Philosoph Michel Foucalt zum Ausdruck der Positivität der Gesellschaft werden sollten, wurden im Falle des Sudetenlandes zu einem „Albtraum“, zu einem Raum der Vergessenheit und des unterdrückten Schuldgefühls.

Man kann oft lesen, der Verlust des Sudetenlands sei für beide Seiten ein hinreichender Grund für das Suchen nach der gemeinsamen Reue darüber, was geschehen ist und was man verloren hat. Wir sind der Ansicht, dass wir nach positiveren Ausgangspunkten suchen sollten. Wir haben einen Raum für die Wiederbelebung der Multikulturalität und für die Wiederherstellung von Kontakten erworben. Mit diesem künstlerischen Projekt möchten wir dazu beitragen, was jahrhundertlang vor sich ging: wir möchten an der Kultivierung von beiden Gemeinschaften teilnehmen.

Die ausstellenden Autoren lassen eine bunte Skala ihrer künstlerischen Auffassung des gegebenen Themas entstehen.

Die Brüder Hansjürgen und Joachim Lothar Gartner nutzen in ihrer konzeptuell gestimmten Einstellung Notizen der konkreten Realität aus, mit denen sie auf kreative Weise manipulieren. Hansjürgens Schaffensweg ist prägnant konzeptuell; in seinem Bilderzyklus ist ihm die Anonymität und Abstraktigkeit der gewaltsamen Diaspora äußerst bewusst. Er betritt die konkrete Wirklichkeit mithilfe seiner imaginativen „Domkonstruktionen“, die teilweise den zukünftigen (und auch den vergangenen) Zustand jener Orte dokumentieren. Der Orte allerdings, die auch in der Realität ein bloßer Traum sind.

Joachim Lothar Gartner ist in seinem Schaffenswerk etwas direkter mitteilsam und emotionsvoller. Um Eindrücke und Gefühle, die ihm Fotos evozieren, auszudrücken, benutzt er sophistiziert die Methode der „Kollage“ – der Bildvervielfachung (eine Methode, die in den 60er Jahren vor allem Robert Rauschenberg und Andy Warhol berühmt machten).

Jaroslav Valečka vertritt mit seinem Schaffen die imaginative und emotive Position im Rahmen des klassischen Bildes. In seinen Gemälden ist auf einzigartige Art die innere Verknüpfung mit dem Gebiet des Lausitzer Gebirges eingeschrieben, mit dem Ort, wo er aufgewachsen ist, wohin er zurückkehrt und wo er noch heute teilweise lebt und arbeitet. Er erfasst die Sudetenlandschaft mit einer verträumten Bewunderung, jedoch zugleich mit einem funkelnden Schrecken. Seine kalten, winterlichen, schneebedeckten Landschaften mit glühenden Feuerlichtern und mysteriösen Geheimnissen und Riten, halten wundersame Menschengeschichten geheim. Der Künstler überträgt auf die Leinwand eine magische Stille der Kontemplation und ein inneres Feuer der Expression.

Die künstlerische Methode von David Saudek stellt sich symbolisch und konzeptuell stärker dar. In seinen Werken aus dem Bilderzyklus Borderline-Syndrom verbindet er auf eine außerordentlich durchdachte und wirkungsvolle Art die appellierenden historischen Motive, die mit dem Thema zusammenhängen, mit den Zeichen – „Ikonen“ und „Idolen“ der heutigen, von der Geschichte durchaus unbelasteten Generation (z.B. Hello Kitty). Durch eine innovative Methode der Schichtung von diesen manchmal auch naiven und scheinbar fast unangebrachten Symbolen erzielt er einen neuen Anblick und eine neue Ansicht, wodurch er den Druck der allgemein verbreiteten Schemen der Problemlösung loswird.

Im Werk von Martin Káňa ist es gelungen, die Bedeutungen mit außerordentlich nüchternen, abstrahierten und monumentalen Objekten zu vereinen, die seine schöpferischen Gedanke präzis widerspiegeln. In seinem Werk „Muster 39“ hat der Autor die sog. Erste Tschechoslowakische Republik (1918-1938) noch in ihrer Gesamtheit erfasst, jedoch schon mit einem Anzeichen des Geschehens in der Evakuierungszone.

 

 

Anlässlich der Ausstellung erscheint ein repräsentativer Katalog in Zusammenarbeit der Galerie der Kunst Karlovy Vary mit dem Verlag Kant.

 

Unterstützt vom Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds

 

www.borderlinesyndrom.eu

 

 


 

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Jaroslav Valečka, Hlaveň 130 x 110 cm, olej, plátno, 2012
Jaroslav Valečka, Die Geschützrohr, Öl, Leinwand, 130 x 110 cm, 2012

 

davidstr12
David Saudek,Die letzten Sekunden des Reichsprotektoren, kombinierte Technik, Leinwand, 80 x 80 cm, 2013

 

 David Saudek, Mapa pohraničí, kombin. technika, plátno,105 x 80 cm, 2013
David Saudek, De Grenzekarte, kombiniert Technik, Leinwand,105 x 80 cm, 2013

 

David Saudek, Mapa pohraničí II, kombin. technika, plátno,110 x 80 cm, 2013
David Saudek, Die Grenzekatre II, kombiniert Technik, Leinwand,110 x 80 cm, 2013

 

Jaroslav Valečka, Noc, 2014, 151 x 151 cm
Jaroslav Valečka, Die Winternacht, Öl, Leinwand, 2014, 125 x 200 cm

 

Jaroslav Valečka, Zimní noc, 2013, 125 x 200
Jaroslav Valečka, Die Nacht, Öl, Leinwand, 2014, 151 x 151 cm